Petra an der Kinderheilanstalt (Hauptgebäude)

Die Tanten brachten uns in einen großen Raum mit vielen Betten. Sie zeigten jedem Kind, wo es schlafen soll. Mein Bett stand direkt unterhalb eines großen Fensters. Ich schob meinen Koffer unter das Bett wie die anderen Kinder auch. Der Raum war riesig! Es waren noch viele andere Mädchen dabei, die Jungs sind wohl woanders. Ich war eine der Ältesten im Saal, es waren viele kleine Kinder dabei.

Die Decken kratzten, hielten aber warm. Ich konnte nicht richtig einschlafen. Ich vermisste Mama und Papa. Außerdem hörte ich andere Kinder um mich herum in ihrem Bett leise weinen. Eine Tante ging herum und guckte, ob alle Kinder schlafen. Ich tat nur so, weil ich ein bisschen Angst vor ihr hatte. Sie hatte Susa in einen Spind geschlossen. Dabei kann ich ohne meine Puppe nicht einschlafen.

Nachts muss ich immer aufs Klo, aber wir durften nach 19 Uhr nicht mehr aus dem Raum. Ich traute mich nicht, auf den Topf im Schlafsaal zu gehen. Ich schämte mich, vor den anderen Kindern zu müssen. Ich bin schon acht Jahre alt, zuhause gehe ich immer allein aufs Klo. Außerdem stand der Eimer so weit von meinem Bett entfernt, dass ich an fast allen Betten hätte vorbei müssen. Morgens stinkt es immer, wenn der Topf voll ist. Manchmal stoßen die Kinder nachts gegen den Topf und das Pipi läuft über die Dielen.
Schön war es, vor dem Schlafen mit Maria im Bett neben mir zu sprechen.

 

Hintergrund: Die Unterbringung der Kinder erfolgte in Schlafsälen unterschiedlichster Größe und nach Geschlechtern getrennt. Fotografien, Zeitzeug*innen und Heimdokumentationen belegen diverse Raumgröße von Vierbettzimmern bis hin zu riesigen Schlafsälen. Die Betreuungskräfte hatten ihre Schlafzimmer meist direkt neben den Zimmern der Kinder. Viele der Kinder wurden von Heimweh geplagt und konnten sich nur schwer an die neue Umgebung anpassen. In den Berichten der Zeitzeugen wird die Strenge der Betreuungskräfte beschrieben, die Weinen oder Reden am Abend bestraften. Der Heimalltag folgte einer einer engen zeitlichen Taktung, in der auch die Zeit für Toilettengänge vorgegeben wurde. Insbesondere in der Nacht sollten die Kinder ihren Schlafsaal nicht verlassen. Für den Notfall sind für viele Heime Nachttöpfe belegt, die während der Ruhezeiten zum Einsatz kamen. Im Dunklen ging häufiger etwas daneben. Der Geruch wurde von vielen Kindern als störend empfunden und nicht selten schämten sie sich davor, die Nachttöpfe zu nutzen. Einige Kinder wurden in den Kuren zu Bettnässern. Dieser „Makel“ wurde nicht selten mit Beschimpfungen, Bestrafung und Ausgrenzung geahndet.